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Disability Studies in Deutschland:
Behinderung neu denken!

vom 18. Juli - 1. August 2003 in Bremen

Dokumentation Kulturwissenschaftliche Tagung

Beiträge im Vorfeld der Tagung

14.07.2003 - Ohne Behindertenbewegung gäbe es keine Disability Studies
10.07.2003 - Neues Denken über Behinderung tut Not


Dokumentation der Tagung

- Prof. Dr. Anne Waldschmidt - Wissenschaftliche Tagungsleitung - "Behinderung zwischen Normierung und Normalisierung"
- Prof. Dr. Anne Waldschmidt - Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies - Einführung in die Tagung
- Anja Tervooren - Der verletzliche Körper
- Ruth von Bermuth - Aus den Wunderkammern in die Irrenanstalten - Natürliche Hofnarren im Mittelalter und früher Neuzeit
- Dr. Petra Fuchs - "Hilde Wulff (1898-1972) - Leben im Paradies der Geradheit"
- Dr. Volker van der Locht - "Der angeborene Schwachsinn verfügt über eine erhebliche Erbkraft' - Zwangssterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933"
- Erzähltes Leben - Interview zum Workshop mit Dr. Petra Fuchs
- Siegfried Saerberg - "Nach dem Weg fragen' - Alltagsbegegnungen von blinden und sehenden Menschen"

- Dr. Heike Ehrig - Moderation der Podiumsdiskussion "Ist Behindertsein normal?
- Dinah Radtke - "Normalität aus Sicht der Behindertenbewegung"
- Marianne Hirschberg - Ist Behindertsein normal? Normalität in den Behinderungsbegriffen der WHO-Klassifikationen


Prof. Dr. Anne Waldschmidt

Wissenschaftliche Tagungsleitung
"Behinderung zwischen Normierung und Normalisierung"

Zur Person
Frau Prof. Dr. Anne Waldschmidt im Präsidium sitzendDr. rer. pol., Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Professorin für Soziologie in der Heilpädagogik, Sozialpolitik und Sozialmanagement an der Universität zu Köln, zuvor Professorin am Fachbereich Pflegemanagement der Ev. Fachhochschule Nürnberg, wissenschaftliche Mitarbeit in DFG-Forschungsgruppe an der Universität Dortmund, Vertretungsprofessur an der Universität Siegen, Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, Promotion und Studium an der Universität Bremen, Auslandsstudium an der University of Edinburgh. Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland und des Netzwerkes Disability Studies, Advisor der internationalen Mailing List Teaching Disability Studies, Mitherausgeberin der "International Encyclopedia of Disability" (Sage Press).
Forschungsschwerpunkte: Soziologische Aspekte der Humangenetik und Pränataldiagnostik, Selbstbestimmung und Bioethik, Behinderung und Normalität, Behinderung und politische Partizipation, Disability Studies, Diskurstheorie und -analyse.
Veröffentlichungen u.a.: "Das Subjekt in der Humangenetik. Expertendiskurse zu Programmatik und Konzeption der genetischen Beratung 1945 - 1990" (Münster: Westfälisches Dampfboot 1996); "Selbstbestimmung als Konstruktion. Alltagstheorien behinderter Frauen und Männer" (Opladen: Leske + Budrich 1999); "Ist Behindertsein normal? Behinderung als flexibelnormalistisches Dispositiv", in: Cloerkes, Günther (Hrsg.). Wie wird man behindert? (Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter 2003), S. 83-102

Abstract Normierung und Normalisierung scheinen gegensätzliche Pole zu sein. Es lässt sich allerdings zeigen, dass sie eng miteinander verknüpft sind. Vor allem ist dies der Fall in der Gegenwartsgesellschaft. Der Podiumsbeitrag beschäftigt sich mit den Auswirkungen der flexiblen Normalisierung auf das Leben mit Behinderung. Außerdem wird gefragt, ob die negative Polarität des Behinderungsbegriffs tatsächlich aufgehoben werden kann.

Kontakt
Universität zu Köln
Soziologie in der Heilpädagogik,
Sozialpolitik und Sozialmanagement
Frangenheimstr. 4
50931 Köln
Tel. 0221-470 68 90, 0221-61 60 185
anne.waldschmidt@uni-koeln.de

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Prof. Dr. Anne Waldschmid

Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies - Einführung in die Tagung

Guten Morgen! Ich heiße Sie herzlich willkommen zu dieser Tagung, deren wissenschaftliche Tagungsleitung ich übernommen habe und für deren Konzeption ich verantwortlich zeichne. Ich freue mich sehr, dass Sie in solch großer Zahl den Weg nach Bremen gefunden haben und bereit sind, sich zwei Tage lang auf das Abenteuer "Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies" einzulassen.

Warum diese Tagung im Rahmen der Sommeruniversität Disability Studies?

Gestern abend auf der Eröffnungsveranstaltung haben wir ja bereits von Theresia Degener einen Überblick erhalten, was die Disability Studies als wissenschaftliche Disziplin sind und wie sie wissenschaftlich und praktisch umgesetzt werden können. In den Veranstaltungen und Diskussionen während der nächsten 14 Tage hier an der Universität Bremen werden sicherlich wichtige Beiträge geleistet werden für die Konturierung und Profilbildung der neuen interdisziplinären Forschungsrichtung. Nach den beiden Tagungen, die 2001 und 2002 im Rahmen der Ausstellung "Der (im)perfekte Mensch" in Dresden und Berlin stattfanden, stellt die diesjährige Sommeruniversität ein drittes Startsignal für die Etablierung der Disability Studies im deutschsprachigen Raum dar. Auf jeden Fall ist sicher, dass uns hier in Bremen in vielen Veranstaltungen - ob offen thematisiert oder unausgesprochen - eine zentrale Frage beschäftigen wird: Was eigentlich sind die Disability Studies? Und was heißt das: "Behinderung neu denken"?

Aus meiner Sicht kann das Forschungsfeld kurz und knapp so umrissen werden: Gegenstand der Disability Studies ist die Kategorie "Behinderung". Von Vertretern der Disability Studies wird dieser Begriff ganz bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn die Kategorie der Behinderung wird nicht als (natur-)gegeben vorausgesetzt und als vermeintlich objektive, medizinisch-biologisch definierbare Schädigung oder Beeinträchtigung gedacht, sondern - und eben das ist das Neue der Disability Studies! - als kulturelles und gesellschaftliches Differenzierungsmerkmal. Ausgangspunkt der Disability Studies ist die These, dass "Behinderung" nicht einfach "vorhanden" ist, sondern "hergestellt" wird, produziert und konstruiert in wissenschaftlichen und alltagsweltlichen Diskursen, in politischen und bürokratischen Verfahren und in subjektiven Sichtweisen und Identitäten.

Diese Ausgangsthese hat zwei Konsequenzen:

Erstens schließen die Disability Studies eine emanzipatorische Zielrichtung ein. Da der Ansatz eng mit Geschichte und Herangehensweise der internationalen Behindertenbewegung verknüpft ist, ist mit ihm auch die konkrete Utopie verbunden, mit Hilfe von Wissenschaft individuelle und gesellschaftliche Sichtweisen und Praktiken so verändern zu können, dass behinderten Menschen ein voller Subjektstatus und uneingeschränkte gesellschaftliche Partizipation möglich wird. Soziale Teilhabe, Selbstbestimmung, Barrierefreiheit, Gleichstellung und Bürgerrechte - das sind zentrale Themen der Disability Studies.

Allerdings: Würden die Disability Studies allein als Anwendungswissenschaft der Behindertenbewegung und wissenschaftliche Reflexion von Betroffenenperspektiven gesehen, so wäre dies ein Mißverständnis und würde auf eine Verkürzung des Ansatzes hinauslaufen.

Denn mit den Disability Studies ist nicht nur eine politische, sondern auch eine kulturwissenschaftliche Wende verbunden. Die konstruktivistische Sichtweise von Behinderung, die dem Forschungsfeld zugrunde liegt, hat zur Konsequenz, dass wissenschaftliche Diszipline in den Behinderungsdiskurs mit eingebracht werden, die zuvor außen vor geblieben sind. Gerade auch, weil sie die Kulturwissenschaften für den Behinderungsdiskurs fruchtbar machen, bieten die Disability Studies einen neuartigen Zugang, "Behinderung" tatsächlich "neu zu denken".

Bislang - und vor allem in Deutschland, muss man vielleicht hinzufügen - galt "Behinderung" als Domäne von Medizin sowie Heil- und Sonderpädagogik und seit neuestem als Bereich der Lebens-, Gesundheits- und Rehabilitationswissenschaften. In diesen Wissenschaftsdisziplinen herrscht jedoch der "klinische Blick" vor: Ihnen geht es vorrangig um die Verhütung, Beseitigung oder Linderung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Die Ansätze der Prävention, Therapie, Förderung und des "coping" unterstellen, dass das Behinderungsproblem bereinigt werden kann, wenn nur die Behandlung erfolgreich ist, eine gelungene Anpassung an die Umwelt erfolgt, wenn die Behinderung psychisch verarbeitet wird und "normale" Lebensumstände geschaffen werden. Auch sozialpolitische Ansätze gehen übrigens von dieser Zielsetzung aus: Behinderung gilt ihnen als soziales Problem; deshalb werden Sozialleistungen und Versorgungssysteme bereitgestellt und behinderten Menschen Nachteilsausgleiche gewährt.

Sicherlich brauchen behinderte Menschen sozialpolitische Unterstützung, pädagogische Förderung und auch medizinische Behandlung. Doch der pragmatische Ansatz allein kann die Komplexität des Behinderungsphänomens nicht erfassen -genau auf diesen Punkt macht die kulturwissenschaftliche Perspektive aufmerksam. Mit anderen Worten: Die Disability Studies sind entstanden als Kritik des "individuellen Modells" von Behinderung und haben ein eigenes, nämlich ein "soziales Modell" entwickelt. Ich denke, dass wir noch ein drittes, ein "kulturelles Modell" von Behinderung brauchen, um tatsächlich die Komplexität des Gegenstands zu verstehen.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Was ist mit der kulturwissenschaftlichen Perspektive gemeint? Was ist der Gegenstand der Kulturwissenschaften? Deshalb an dieser Stelle - in der gebotenen Kürze - einige begriffliche Anmerkungen:

Ebenso wie die Disability Studies handelt es sich bei den Kulturwissenschaften um ein weitverzweigtes, interdisziplinäres Forschungsfeld, dessen Gegenstand die "Kultur" darstellt. Kultur - damit sind hier nicht bürgerliches Bildungswissen, gutes Benehmen oder gar Sitte und Anstand gemeint. Kultur - damit sind auch nicht nur religiöse Zeremonien, kulturelle Veranstaltungen und künstlerisches Schaffen eingeschlossen. Kultur im kulturwissenschaftlichen Sinne meint vielmehr das gesamte Erbe einer Gesellschaft, der aktuelle Bestand an Werten und Normen, Symbolen und Sprache, Traditionen und Institutionen, Wissen, Ritualen und Praktiken, Geschichte und Geschichten, die eine Gesellschaft entwickelt hat und in Erziehungs- und Bildungsprozessen an die Gesellschaftsmitglieder weiter gibt. In diesem Sinne gibt es nie nur die eine "Kultur", sondern immer nur eine ganze Reihe von Kulturen - wohlgemerkt im Plural.

Betrachtet man mit Hilfe des kulturwissenschaftlichen Ansatzes das Phänomen der "Behinderung", so wird man dazu verführt, den Standort des Betrachters oder der Forscherin umzukehren: Nunmehr geht es nicht darum, von der Welt der Normalen aus die Lebenssituation behinderter Menschen zu untersuchen, um ihnen bei der Bewältigung ihrer schwierigen Lebenssituation zu helfen.

Vielmehr gilt es, Behinderung als erkenntnisleitendes Moment für die Analyse der Mehrheitsgesellschaft zu benutzen. Der kulturwissenschaftliche Ansatz ist deshalb so spannend, weil mit ihm die Perspektive umgedreht wird: Die Mehrheitsgesellschaft wird aus Sicht der "Behinderung" untersucht, und nicht umgekehrt, wie es eigentlich üblich ist.

Wagt man diesen Perspektivwechsel, so kann man überraschend neue Einsichten gewinnen, zum Beispiel in die Art und Weise,

  • wie kulturelles Wissen über Körperlichkeit produziert wird,
  • wie Normalitäten und Abweichungen konstruiert werden,
  • wie Differenzierungskategorien entlang körperlicher Merkmale etabliert werden,
  • wie gesellschaftliche Praktiken der Ein- und Ausschließung gestaltet sind,
  • wie personale und soziale Identitäten geformt und
  • wie neue Körperbilder und Subjektbegriffe geschaffen werden.

Wer wir sind und warum wir so und nicht anders handeln - das können sowohl behinderte als auch nichtbehinderte Menschen aus den Kulturwissenschaften lernen.

Außerdem lässt sich im historischen und kulturanthropologischen Vergleich feststellen, dass Behinderung keine universelle und uniforme Praxis darstellt. Vielmehr findet man über die Jahrhunderte und zwischen den Kulturen eine große Vielfalt in den Sichtweisen von Behinderung und den Umgangsformen mit behinderten Menschen.

Aus der Fülle der möglichen kulturwissenschaftlichen Fragestellungen bietet diese Tagung notwendigerweise nur einen kleinen Ausschnitt. Für die Rahmenkonzeption wurden zwei Themenblöcke ausgewählt:

  • Der heutige Samstag hat den Schwerpunkt "Behinderung in der Zeit". Behinderung wird hier als geschichtliches Phänomen verstanden, als eine Kategorie, die zeitgebunden ist, die sich historisch wandelt, die eine Vergangenheit, eine Gegenwart und somit auch eine Zukunft hat. Wenn wir die Konstruiertheit von Behinderung verstehen wollen, benötigen wir Wissen über den Umgang mit behinderten Menschen in früheren Epochen. Exemplarisch werden wir uns auf dieser Tagung sowohl mit dem Mittelalter als auch mit dem 20. Jahrhundert beschäftigen.
  • Der morgige Tag hat den Schwerpunkt "Behinderung als Zeichen": Behinderung wird hier als Symbol verstanden, als kulturelle Repräsentation, die immer auch auf etwas anderes verweist und nicht nur die gesundheitliche Beeinträchtigung meint. Wie eine Fahne nicht nur ein Stück Tuch ist, sondern eine Nation repräsentiert, so ist Behinderung nicht nur ein körperliches Merkmal, sondern hat auch eine kulturspezifische Bedeutung. Im sozialen Verkehr wird sie interpretiert, sei es als Stigma, besondere Leiderfahrung oder auch als Heldentum. Die Symbolkraft von Behinderung macht sich sowohl in Alltagsbegegnungen bemerkbar als auch in literarischen Produkten. Vor allem auch in der Debatte über Normalität lässt sich fragen, wofür Behinderung eigentlich steht.
  • Neben diesen zwei Themenblöcken werden übergreifende Fragestellungen sowohl in dem Einführungsvortrag von Anja Tervooren als auch in dem Vortrag zur britischen Perspektive von Mark Priestley thematisiert.

Soweit mein Überblick über die Tagungskonzeption und das Programm. Ich freue mich auf spannende Vorträge und anregende Diskussionen.

Zum Schluss meiner Einführung möchte ich nicht versäumen, mich zu bedanken:

  • bei Gisel Hermes und Swantje Köbsell vom Bifos für die Entscheidung, diese Tagung im Rahmen der Sommeruniversität zu veranstalten, für die sehr angenehme und vertrauensvolle Zusammenarbeit während der Vorbereitungsphase und - nicht zuletzt - für die Durchführung der Tagungsorganisation,
  • bei den Referentinnen und Referenten, die alle gerne und schnell zugesagt haben,
  • bei Peter Radtke, der trotz eines übervollen Terminkalenders bereit war, sein Stück "Hiob's Klage" im Abendprogramm aufzuführen,
  • bei Heike Ehrig, die mich morgen bei der Tagungsmoderation unterstützen wird
  • bei den Geldgebern, dem Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung und der Aktion Mensch,
  • und bei den vielen Helferinnen und Helfern, die während der Tagung im Hintergrund wirken werden, für die Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg, den organisatorischen Ablauf und unser leibliches Wohl.

Ihnen allen sage ich herzlichen Dank!

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Anja Tervooren

Der verletzliche Körper

Zur Person
Bild Anja Tervooren Anja Tervooren
Freie Universität Berlin
Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen"
Institut für Allgemeine Pädagogik
Arnimallee 11
14195 Berlin
anjaterv@zedat.fu-berlin.de


Die Initialzündung für das, was wir heute Disability Studies nennen, waren die internationalen Behindertenbewegungen, die sich im Kontext erstarkender sozialer Bewegungen wie der Bürgerrechts- oder der Frauenbewegung seit den 1970er Jahren herausbildeten. In der Bundesrepublik Deutschland ließen die Vorbereitungen zu den Protesten anlässlich des "Internationalen Jahres der Behinderten" 1981 vorhandene politische Praxis zu einer Bewegung werden. Eine der spektakulärsten Verlautbarungen dieser Proteste war der "Krückenschlag" Franz Christophs. Als Christoph den damaligen Bundespräsidenten Carl Carstens mit seiner Krücke schlug, stellte er nicht nur das Bild des "dankbaren Krüppels" in Frage, sondern zog gleichzeitig das der "edlen Helfenden" in Mitleidenschaft. Sichtweisen von Behinderung, so zeigte diese politische Performance schon damals, formen nicht allein das Leben derjenigen, die mit einer Behinderung leben, sondern auch das Leben all jener, die sich als nicht-behindert definieren.

Zum weiteren Wortlaut des Vortrages siehe Dokument.

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Ruth v. Bernuth

Aus den Wunderkammern in die Irrenanstalten - Natürliche Hofnarren in Mittelalter und früher Neuzeit (Abstract)

Zur Person
Ruth v. Bernuth am RednerpultRuth von Bernuth wurde 1971 geboren. Sie studierte Sonderschulpädagogik, Germanistik und Judaistik in Rostock, Dortmund und Berlin. Seit 1999 promoviert sie im Fach Ältere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Abstract
Seit dem frühen Mittelalter können Narren an Höfen nachgewiesen werden. Zu ihnen gehören sowohl die künstlichen, bzw. die Schalksnarren, als auch die natürlichen Narren. Unter den natürlichen Narren wurden in der Forschung bisher "anatomisch Mißratene" (Amelunxen 1991) und "Geistesgestörte und Schwachsinnige" (Schmitz 1990) verstanden, die durch "geistige Beschränktheit (Debilität, Imbezillität), durch gelegentliche Wahnideen, durch völlige Unkenntnis oder Nichtachtung der Naturgesetze oder menschlicher (auch höfischer) Verhaltensnormen, durch alberne, lustige, witzige, gekränkt-boshafte, anzügliche, derbe und grobianische Reden, Späße und Streiche [...] Heiterkeit und Lachen beim Fürsten" (Schmitz 1990) erregten.

In meinem Vortrag möchte ich darstellen,

  • daß die natürlichen Narren zu den sogenannten Wundermenschen gehörten,
  • daß die natürliche Narrheit als eine zeitlich permanente mentale Differenz und nicht als Krankheit verstanden wurde,
  • wie die natürlichen Narren von psychisch Kranken unterschieden wurden,
  • warum ihnen prophetische Gaben zugeschrieben wurden und
  • und welche weiteren Funktionen sie in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft hatten.

Der Schwerpunkt meiner Darstellung liegt dabei auf literarischen Texten, wozu beispielsweise die 1572 gedruckten "Sechs hundert/ sieben vnd / zwantzig Historien/ Von Claus Narren" des protestantischen Pfarrers Wolfgang Büttner gehören. Doch auch die wenigen bildlichen Zeugnisse werden herangezogen werden.

Abschließend wird mich die Frage beschäftigen, wie das obengenannte Bild des natürlichen Narren Eingang in die Forschung gefunden hat und warum es gerade für die sich neu zu etablierenden disability studies in Deutschland sinnvoll sein könnte, sich auch mit den mittelalterlichen natürlichen Narren zu beschäftigen.

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Dr. Petra Fuchs

"Hilde Wulff (1898-1972) - Leben im Paradies der Geradheit"

Zur Person
Frau Dr. Petra Fuchs am RednerpultDr. phil., Erziehungswissenschaftlerin, Berlin, 1999 Promotion an der TU Berlin; Mai 2000 bis März 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt Patientenbilder am Institut für Geschichte der Medizin (FU und HU Berlin), seit April 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG-Forschungsprojekts der Universität Heidelberg "Zur statistischen Auswertung und wissenschaftlichen Erschließung des ,Euthanasie '-Aktenbestandes R179 im Bundesarchiv Berlin"; seit Oktober 2001 freie pädagogische Mitarbeiterin in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.
Forschungsschwerpunkte: Alltags- und Sozialgeschichte behinderter Menschen im Zeitraum der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus; Geschichte der "Krüppelfürsorge" und der Sonderpädagogik bis 1945; Zwangssterilisation und NS-"Euthanasie"; Geschichte der Psychiatrie.

Abstract
Die Biographie über Leben und Wirken der Sozialpädagogin Hilde Wulff leistet einen Beitrag zur öffentlichen Anerkennung und Würdigung einer körperbehinderten Frau, von der bis heute noch wenig bekannt ist. Hilde Wulff, die im Alter von zwei Jahren an einer Kinderlähmung erkrankte, absolvierte in den 1920er Jahren eine Ausbildung zur Wohlfahrtspflegerin und Jugendfürsorgerin. Seit etwa 1923 engagierte sie sich im emanzipatorischen "Selbsthilfebund der Körperbehinderten" und entwickelte in Zusammenarbeit mit anderen behinderten Frauen insbesondere Konzepte zur gemeinsamen Beschulung behinderter und "gesunder" Kinder. Ab 1933 leitete Hilde Wulff Heime für körperbehinderte Kinder in Berlin und Hamburg. Als entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus leistete sie von dort aus auf vielfältige Weise und mit Erfolg Widerstand gegen das Regime.

Kontakt
c/o Bundesarchiv Berlin
Finckensteinallee 63
12205 Berlin
Tel: 01888 7770 337
pw2@ix.urz.uni-heidelberg.de

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Dr. Volker van der Locht

"Der angeborene Schwachsinn verfügt über eine erhebliche Erbkraft' - Zwangssterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933"

Zur Person
Dr. Volker van der LochtDr. Volker van der Locht, geboren 1958, Dipl.-Pädagogik-Studium an der Universität Gesamthochschule Essen, Promotion zum Dr. phil 1997 über die Geschichte des Franz-Sales-Hauses in Essen, einer katholischen Einrichtung für geistig- und lernbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der Medizin und sozialer Einrichtungen, zur Zeit Lehrbeauftragter am Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Folkwanghochschule in Essen.

Abstract
Vor siebzig Jahren, am 14. Juli 1933 wurde das sogenannte "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verabschiedet. Es bestimmte die Unfruchtbarmachung von vielen Menschen mit Behinderung, denen der NS-Staat eine erblich bedingte Ursache unterstellte. Betroffen waren zu einem großen Teil Menschen mit einer Lernbehinderung oder geistigen Behinderung, PatientInnen mit Schizophrenie oder jene, die an "schwerem Alkoholismus" litten. Insgesamt wurden bis zum Kriegsende 1945 ungefähr 400.000 Männer und Frauen sterilisiert.
Was waren das für Menschen? Wie lebten sie? Mit welchen Prozeduren mussten sie sich auseinandersetzen? Diese Fragen sind Ausgangspunkt für den Vortrag. Deshalb werden in der Veranstaltung einzelne Personen vorgestellt, die während des Nationalsozialismus zwangssterilisiert wurden. Anhand von Aktendokumenten (Urteile der Sterilisationsgerichte, ärztliche und pädagogische Diagnosen, Briefe und persönliche Aussagen der Betroffenen) soll versucht werden, die damalige Lebenswirklichkeit von Menschen mit Behinderung transparent zu machen. Es soll erörtert werden, wer nach damaligem Verständnis "behindert" war und wie Experten die Ursache einer Behinderung definierten. Dies konnten zum Beispiel Armut und Hunger sein, die eine körperliche und/oder geistig-seelische Entwicklungsverzögerung hervorriefen, oder eine "Erbkrankheit", die die Unfruchtbarmachung nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs zur Folge hatte. Es lässt sich abschließend fragen, was Behinderung ist und wie abhängig die Beschreibung einer Behinderung ist von den Normen der Gesellschaft in der jeweils konkreten kulturellen und sozialen Situation in der Geschichte.

AG 3: Sterilisierung behinderter Menschen im Dritten Reich und in der Gegenwart
In der Arbeitsgruppe sollen die in dem Vortrag über das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erörterten Sachverhalte vertieft werden. Insbesondere soll aus unserem heutigen Verständnis von Behinderung das damalige Geschehen beurteilt werden und der Frage nachgegangen werden, nach welchen Kriterien heute Menschen mit Behinderung das Recht auf Kinder verwehrt wird.

Kontakt volkervanderlocht@t-online.de

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Interview zum Workshop "Erzähltes Leben - Historische Biographieforschung und biographisches Schreiben" mit Dr. Petra Fuchs

Dr. Petra FuchsOttmar Miles-Paul: In der Arbeitsgruppe haben wir uns ja u.a. mit der Frage beschäftigt, ob wir Helden brauchen. Biographien von und über Behinderte, wie wichtig sind diese?
Dr. Petra Fuchs: Ich denke, dass Biographien über Menschen mit Behinderung aus ganz verschiedenen Gründen wichtig sind. Einerseits weil sie Möglichkeiten der Identifikation bieten und weil sie auch eine Vorbildfunktion haben können, aber nicht müssen. Vor allem legen sie aber auch Zeugnis ab, vom Leben und von den Bedingungen behinderter Menschen. Ich glaube, dass solche Biographien dafür durchaus wichtig sind.

Ottmar Miles-Paul: Sie haben ja geschichtlich geforscht und haben heute über Hilde Wulff berichtet. Können sie noch einmal kurz zusammenfassen, was für sie genau das Interessanteste war und was sie an Hilde Wulff besonders toll fanden?
Dr. Petra Fuchs: Das ist schwer zu sagen in aller Kürze. Ich finde an Hilde Wulff zum einen ganz interessant, dass sie als Frau mit einer Körperbehinderung in den zwanziger Jahren eine Berufsausbildung absolviert hat. Und dass sie ihr Leben eigentlich mit einem sehr starken Willen gelebt hat, gegen die größten Schwierigkeiten im Alltag. Ich finde es bemerkenswert, dass sie eine der Wenigen war, die in Deutschland Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet hat. Sie ist eine sehr mutige Person gewesen. Das, denke ich, sind die wesentlichen Dinge.

Ottmar Miles-Paul: Also hat Hilde Wulff das Zeug für ein gutes Vorbild?
Dr. Petra Fuchs: Ich finde, dass es viele Bereiche gibt, in denen man sich an ihr orientieren kann und von daher ist sie schon ein Vorbild für mich, da sie mir eben auch zeigt, wie man unter widrigen Umständen doch gegen die Mehrheit einer Gesellschaft leben kann.

Ottmar Miles-Paul: Wenn Sie biographische Forschungen betreiben, worauf stoßen Sie denn da in Ihrem Umfeld? Wird das geschätzt, wird das eher blockiert? Was sind Ihre Erfahrungen?
Dr. Petra Fuchs: Das ist sehr unterschiedlich. Innerhalb der Wissenschaft gibt es einerseits starke Strömungen hinsichtlich der Biographieforschungen, es gibt auch Methodiken etc. Aber in verschiedenen Disziplinen wird es eigentlich eher als Nebensächlichkeit angesehen und gilt nicht als wirklich wissenschaftlich. Aber das ist sehr unterschiedlich und abhängig von den einzelnen Disziplinen.

Ottmar Miles-Paul: Gibt es denn auch Unterschiede in dem was man forscht, z.B. zwischen "jüdischen Menschen im Nationalsozialismus" oder "behinderte Menschen im Nationalsozialismus"? Da tun sich doch bestimmt noch mal Welten auf, oder?
Dr. Petra Fuchs: Ja natürlich, die Wertigkeit in der Betrachtung verschiedener Gruppierungen, die spiegelt sich auch im Wissenschaftsbereich wider. Häufig ist es schon so, dass Menschen mit Behinderung eher hinten runterfallen.

Ottmar Miles-Paul: Sie haben heute Ihre Forschungsergebnisse über Hilde Wulff vorgestellt und fahren auch heute wieder weg von der Sommeruni. Was ist das nächste Projekt?
Dr. Petra Fuchs: Ich möchte gerne an neuen Biographien arbeiten, und zwar über Menschen, die in der NS Euthanasie ermordet wurden. Das ist also mein nächstes Ziel.

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Siegfried Saerberg

"Nach dem Weg fragen' - Alltagsbegegnungen von blinden und sehenden Menschen"

Zur Person
Siegfried Saerberg am Rednerpultgeb. 05.06.61, studierte Soziologie und Philosophie (Magister) in Köln und Konstanz. Nach Mitarbeit an der Universität Konstanz (1990 - 1992) unterbrach er ab 1993 seine wissenschaftlichen Arbeiten zugunsten verschiedenster Projekte im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Ausdruck und sozialem Engagement:
Von der Mitarbeit beim "Dialog im Dunkeln", einer Ausstellung zur Erfahrung der Welt blinder Menschen (1990 - 1993) gelangt er zur Mitbegründerschaft des Vereins "Blinde-und-Kunst" (1992). Das Konzept dieses Vereins beinhaltet sowohl die Vermittlung der Lebensweise blinder Menschen durch künstlerische Mittel, als auch die Erweiterung künstlerischer Inspiration mit Hilfe von nicht-visuellen Gestaltungselementen. Hierbei übernimmt er die künstlerische Direktion, Konzeptentwicklung und Projektleitung von 1993 - 1997.

Es entstehen Projekte wie die Ausstellung "Sinnenfinsternis" vom 18.01.97 - 08.02.97 in der Kölner Zentralbibliothek am Neumarkt oder das "Café Finsternis" in Zusammenarbeit mit dem Südwestdeutschen Rundfunk anlässlich der Freiburger Hörspieltage vom 13. - 16.12.97.
Seit 1998 widmet sich Saerberg verstärkt der eigenen künstlerischen Produktion im Bereich von Klang und Text. Eine ausgezeichnete Gelegenheit bietet sich ihm in der Zusammenarbeit mit dem Ruhrlandmuseum Essen für die Erarbeitung des Teilkonzeptes zu einer akustischen Ausstellung (1999 - 2000). Es entsteht hierbei die Akustische Dokumentation des "Klangraumes Ruhrgebiet" und die audielle Gestaltung der Ausstellung "Unten und Oben - Die NaturKultur des Ruhrgebietes" im Rahmen des IBA-Projektes "Historama 2000".
Neben der Weiterentwicklung seiner künstlerischen Projekte, in welchem Zusammenhang vor allem "Lichtpausen - Klang und Stimme der Nacht" (eine Zusammenarbeit mit Thomas Zwerina) zu nennen ist, arbeitet er zur Zeit an seiner Dissertation über das Thema "räumliche Orientierung blinder Menschen" an der Universität Dortmund.
Publikationen:
"Blinde auf Reisen", Böhlau-Verlag Wien-Köln-Weimar 1991
Hörspielproduktion "Café Finsternis" beim SWR, gesendet am 26.12.97
"Nachtwanderung", CD im Eigenverlag 1997
"Klangraum Ruhrgebiet", CD beim Ruhrland-Museum Essen 2000
"Einfach immer geradeaus" - Haben Blinde ein differentes Raumkonzept? in:
Allmendinger, Jutta (Hg.), 2003: Entstaatlichung und soziale Sicherheit.
Verhandlungen des 31. Kongresses der Dt. Gesellschaft f. Soziologie in Leipzig 2002. 2 Bände + CD-ROM. Opladen: Leske + Budrich.

Abstract
Ausgangspunkt des Vortrags ist die alltägliche soziale Begegnung eines blinden und eines sehenden Menschen im Straßenverkehr - "alltäglich" allerdings nur für einen Blinden! Konkretes Ziel dieser typischen Situation für den blinden Part ist zunächst der Erhalt einer Wegbeschreibung durch den Sehenden. Die Erfüllung dieser Aufgabe erweist sich als derart schwierig, dass die Situation zumeist in eine Führung oder Begleitung des Blinden durch den Sehenden zu seinem Ziel mündet. Wie lässt sich eine solch alltägliche Situation wissenschaftlich rekonstruieren? Es wurde ein ausführlicher Datenkorpus erzeugt, der diese Situationen registrierend auf Kassette dokumentiert. An diesem Textmaterial lässt sich der Ablauf der sozialen Begegnung sequenzanalytisch Zug um Zug im Detail nachvollziehen. Außerdem geht es um die Frage: Wie kann die subjektive Perspektive des blinden Akteurs rekonstruiert werden? Die ethnographische Situation des blinden Autors und blinden Erforschers blinder Alltäglichkeit als eines beobachtenden Teilnehmers wird kritisch reflektiert. Dabei soll allmählich das alltäglich routinehafte Akteurswissen freigelegt werden. Und schließlich wird gefragt: Wie kann die Perspektive der sehenden Teilnehmer in der Situation erhellt werden? Es sind ausführliche Interviews mit Sehenden über ihre Strategien beim "nach dem Weg fragen" geführt worden. Der Vortrag streift exemplarisch nur einige der wichtigen Themenfelder:
Die Gesprächssituation muss räumlich-leiblich erst einmal initiiert werden; es muss überhaupt erst einmal ein möglicher Partner gefunden werden.
Eine weitere der zu bewältigenden Aufgaben innerhalb einer solchen Situation ist dann die wechselseitige Abstimmung zweier leiblicher Orientierungssysteme in Richtungsbezeichnungen, wegbeschreibenden Äußerungen und im Zeigen.
Es wird sich erweisen, dass und in wie fern sich die räumlichen Orientierungsmuster blinder und sehender Menschen in dieser Situation von einander unterscheiden.

Kontakt
Dreisbacher Höhe 6
51674 Wiehl
siegfriedsaerberg@web.de

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Dr. Heike Ehrig

Moderation der Podiumsdiskussion "Ist Behindertsein normal?

Dr. Heike Ehrig von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation moderierte die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung zu den kulturwissenschaftlichen Perspektiven der Disability Studies. Ist Behindertsein normal? war dabei die zentrale Frage an die TeilnehmerInnen.

Zur Person
Dr Heike Ehrig als zweite von links bei der PodiumsdiskussionDr. Heike Ehrig ist wegen eines Unfalls selbst behindert und beschäftigt sich seit den 1980er Jahren auch professionell mit dem Thema "Behindertsein und Behinderung". Neben der Auseinandersetzung mit Grundsatzfragen und Alltagsproblemen hat sie insbesondere über die Lebenssituation behinderter Frauen gearbeitet. Heike Ehrig war zunächst in der Behindertenberatung tätig, dann ging sie in den Studiengang Behindertenpädagogik an der Universität Bremen, wo sie sich über 13 Jahre wissenschaftlich mit diesen Themenbereichen in Forschung und Lehre befasste. Ihre Dissertation erstellte sie an der Universität Bremen - thematisch nicht ganz zufällig - über die Lebensbedingungen, Perspektiven und Chancen von spätbehinderten Frauen. Seit 1½ Jahren arbeitet Heike Ehrig nun bei der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) in Frankfurt/M. und ist unter anderem mit der Erarbeitung von Konzepten zur Umsetzung des SGB IX betraut.
Abbildung: Dr Heike Ehrig als zweite von links bei der Podiumsdiskussion

Kontakt
Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation
Walter-Kolb-Str. 9-11
60594 Frankfurt/Main
Tel. 069 - 60 50 18-42
heike.ehrig@bar-frankfurt.de

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Dinah Radtke

"Normalität aus Sicht der Behindertenbewegung"

Zur Person
Dinah RadtkDinah Radtke wurde am 10. September 1947 in Bamberg geboren. Aufgrund einer spinalen Muskelatrophie ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Radtke, die von Haus aus staatlich anerkannte Übersetzerin für Englisch und Französisch ist, begann 1976 ihre Aktivitäten für die Rechte und Bedürfnisse behinderter Menschen. 1987 war sie Mitbegründerin des Erlanger "Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.". 1990 wirkte sie bei der Entstehung der Dachorganisation der Zentren "Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V." mit. Im Herbst 1991 wurde der ISL-Dachverband Mitglied bei "Disabled Peoples' International Europa" (DPI). Sowohl bei der ISL als auch für DPI Europa nimmt Dinah Radtke internationale Aufgaben wahr. Hierbei setzt sie sich gezielt für die Rechte behinderter Frauen ein. So ist sie seit 1997 im DPI-Frauenkomitee tätig.

Abstract Ist Behinderung normal? Natürlich ist es normal, behindert zu sein. Behinderung ist eine Erscheinungsform des Lebens. Doch unsere Gesellschaft versucht uns glauben zu machen, Behinderung sei vermeidbar und nur diejenigen unter uns, die der sogenannten Norm entsprechen, hätten die volle Lebensqualität. Dieser Glaube wird möglich gemacht durch die Allmachtsphantasien der Medizin.
Behinderten Menschen wird es schwer gemacht, ihre Behinderung anzunehmen oder gar stolz auf sich zu sein.

Wir VertreterInnen der Selbstbestimmt Leben Bewegung kämpfen für andere Sichtweisen von Behinderung. Wir fordern unsere Rechte. Wir fordern die rechtliche Gleichstellung mit Nicht-Behinderten. Wir haben unsere eigene Kultur. Wir sind stolz auf das, was wir sind.

Kontakt
dinah.radtke@zsl-erlangen.de

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Marianne Hirschberg

Ist Behindertsein normal? Normalität in den Behinderungsbegriffen der WHO-Klassifikationen

Zur Person
Marianne HirschbergMarianne Hirschberg
Studium der Behindertenpädagogik, Allgemeinen Erziehungswissenschaft und ev. Theologie mit dem Abschluss des Staatsexamens (1993-1999)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Projekt der Allgemeinen Erziehungswissenschaft an der Bundeswehruniversität Hamburg (2001-2003)
Promotion über die Klassifizierung von Behinderung (Abschluss Ende 2003)

Abstract
Die behinderungsspezifischen Klassifikationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrachten Behinderung im Verhältnis zu Funktionsfähigkeit und Wohlbefinden. Dabei besteht die Frage, was für Vorstellungen von behinderten Körpern vertreten werden, sowie welche Normalitätsvorstellungen den Klassifikationen zugrunde liegen.
Die erste behinderungsspezifische Klassifikation - die Internationale Klassifikation der Schädigungen, Beeinträchtigungen und Behinderungen (ICIDH) - wurde 1980 verabschiedet. Sie wurde von der zweiten Klassifikation - der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) - abgelöst, die 2001 in Kraft getreten ist. Hinsichtlich der Erneuerung der Klassifikation ist zu thematisieren, welche Veränderungen sich im Verhältnis zur ICIDH ergeben haben und wie Behinderung beurteilt wird.
Präsentationsfolien des Vortrages im Internet

Adresse
Forschungsschwerpunkt Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt (BIOGUM) der Universität Hamburg
Forschungsgruppe Medizin/ Neurowissenschaften
Falkenried 94
20251 Hamburg
Tel: 040/ 42803-6313,
Fax: 040/42803-6315
e-mail: m_hirschberg@gmx.de

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Gisela Hermes, Swantje Köbsell und Ottmar Miles-Paul
für das Vorbereitungsteam

ottmar.miles-paul@bifos.de


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